Legasthenie und Dyskalkulie – wovon ist die Rede?

Das Training ist keine ergotherapeutische Leistung auf ärztliche Verordnung

Über die Lernhindernisse beim Schreiben, Lesen oder Rechnen eine überblickverschaffende Seite zu schreiben ist eine umfassende und komplexe Aufgabe. Viele Fragen sind nachwievor unbeantwortet, nicht einmal der Name „Legasthenie“ ist eindeutig, ist kein überall benutzter wissenschaftlicher Begriff. Im bayerischen Gesetz wird denn auch zwischen einer … Schwäche und einer ….Störung bzw. „besonderen Schwierigkeit“ unterschieden.

ForschungZahlen + SpracheAufmerksamkeit + GedächtnisSinne

Bei den forschenden Neurowissenschaftlern kristallisiert sich die Vermutung heraus, daß legasthene Menschen ein symmetrisch aufgebautes Gehirn haben. Da es keine „Lese-Gene“ – also keine Urschaltkreise, wie beim Sehen oder Sprechen, gibt und sich mit einer „vorprogrammierten“ Selbstverständlichkeit entwickeln, muß die neuronale Verschaltung selbständig erfolgen. Das würde auch erklären, warum die betreffenden Kinder sich nicht für eine dominante Seite entscheiden, entweder die Hand öfter wechseln, oder eine Kreuzdominanz zeigen (Auge, Ohr, Hand, Fuß nicht auf der gleichen Seite dominant). Daraus folgt eine Unsicherheit bei Entfernungen, Abständen und Richtungen, sowohl visuell, wie auch motorisch. Unsicherheit bei Richtungen wiederum bringt die Schwierigkeit, Muster und Reihenfolgen zu erkennen.

Erkennbar ist auch ein Problem mit der Zeit: so ergaben Untersuchungen, daß legasthene Kinder zwar genauso sehen und hören können, aber die Zeit zwischen zwei Sinneseindrücken länger sein muß, damit sie sie als zwei unterscheiden können – ansonsten verschmelzen sie zu einem.

„… Eine amerikanische Kinderneurologin fand heraus, daß Leser mit Legasthenie Farben völlig korrekt, aber nicht schnell benennen konnten. Die Zeit, die das Gehirn für das Verknüpfen visueller und sprachlicher Vorgänge benötigt, um Farben (oder Buchstaben oder Zahlen) zu benennen, erwies sichs Prädiktor für die Unfähigkeit, lesen zu lernen. Diese Ergebnisse führten zu einer neuen Aufgabe in neuropsychologischen Tests: „Schnelles automatisiertes Benennen“, bei denen das Kind so schnell wie möglich Reihen wiederholter Buchstaben, Zahlen, Farben oder Objekte benennen muß….“

Bevor das Kind Zahlen lesen und einer vorgestellten Menge zuordnen kann, erobert es sich die Welt des Zählens mit Zahlworten. Erst später, im Laufe der ersten beiden Schuljahre, entwickelt sich der innere mentale Zahlenstrahl und sichert den freien Umgang mit den Zahlen und Rechenzeichen. Da die Zahlenverarbeitung im Sprachzentrum wurzelt (Zahlwörter müssen in die Zahlenvorstellung transferiert werden) ist es nicht verwunderlich, daß Kinder mit Sprachschwierigkeiten oder Sprachentwicklungsstörungen auch das Rechnen nur mühsam erlernen.

Es scheint eine veränderte Hirnstruktur zu sein, die beim legasthenen Kind die Automatisierung stört oder schlimmstenfalls verhindert. Ohne Aufmerksamkeit kann sich nichts einprägen. In beiden Quellen (Rechenstörungen, Lesestörungen) wird es gleichermaßen erwähnt: das Kurzzeitgedächtnis und das Arbeitsgedächtnis sind schwach und erschweren die Verankerung im Langzeitgedächtnis. Das bedeutet, daß das Kind immer „denken“ muß, statt zu „wissen“. Dies erklärt, warum immer andere Fehler gemacht werden (im Gegensatz zur LRS: hier sind es immer die gleichen Fehler, die sich durch Üben verbessern)

Bei legasthenen Kindern arbeiten die Sinne nicht immer zusammen. Eines der Hauptprobleme ist der ihnen fehlende Zusammenhang zwischen Phonem und Graphem, also dem gehörten Laut und dem Buchstaben, was sich auch auf ganze Wörter bezieht. Es gelingt ihnen nicht, ein gehörtes Wort als geschriebenes Wort wiederzuerkennen. Auch die Synthese von Einzellauten (z.B. T-a-g) hilft ihnen nicht, der Transfer ins visuelle System funktioniert nicht oder sehr langsam.

„…Das Gehörte scheint dabei direkt die visuellen Eigenschaften des Objekts im Gehirn zu aktivieren, zeigen Lupyan und Ward in einem Teilexperiment: Zehn Studenten präsentierten sie geometrische Formen, die auf einem Spektrum zwischen Kreis und Quadrat anzuordnen waren. Je eindeutiger die Form zur jeweiligen Beschreibung als „Kreis“ oder „Quadrat“ passte, desto mehr half das gehörte Wort dabei, das verborgene Objekt sichtbar zu machen. „Wir zeigen, dass die Augen nicht wie objektive Kameras funktionieren, die neutrale Aufnahme der visuellen Umgebung machen, sondern dass schon der Sehprozess selbst davon abhängt, was wir gerade hören, denken und fühlen“,…..“ alles lesen bei Spiegel-Online

Wie ein visuell-legasthenes Kind Schrift sieht:

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